Meine-Augenblicke

Vom 17. bis zum 29. Mai 2026

Sonntag:

Unser Urlaub begann schon mit einem kleinen Zwischenstopp beim Tierarzt, um sicherzugehen, dass wir auch wirklich Käthes Leinen dabeihatten. Danach ging es endlich los – wobei Enno zunächst auf die A30 fahren wollte, statt wie geplant die A1 zu nehmen. Zum Glück fiel der kleine Navigationsfehler schnell auf und wir konnten entspannt weiterfahren.

Während der Fahrt habe ich sogar an einem Socken gestrickt. Fertig geworden ist er zwar fast, aber natürlich fehlte genau die Nadel, um am Ende den Faden zu vernähen. Typisch.

Die Fahrt verlief überraschend gut, sodass wir bereits um 13:30 Uhr angekommen sind. Leider war unsere Unterkunft noch nicht bezugsfertig, denn die Reinigung war noch nicht abgeschlossen. Enno hatte gehofft, dass wir schon vor 16 Uhr hinein könnten. Also beschlossen wir kurzerhand, die Fahrräder startklar zu machen und die Umgebung zu erkunden.

Unser erster Halt war der Außenhafen, wo wir uns direkt ein leckeres Krabbenbrötchen gegönnt haben. Danach ging es weiter zum Piratenfest in der Stadt. Der Ort selbst ist sehr nett – überschaubar, gemütlich und mit einem erstaunlich großen gastronomischen Angebot.

Allerdings ging es Enno nicht besonders gut. Er fror ständig, musste niesen und hatte Hals- und Kopfschmerzen, was ihn schon seit zwei Tagen begleitet. Deshalb beschlossen wir, zurück zur Unterkunft zu fahren und den Abend ruhig anzugehen.

Das Haus hat uns sofort begeistert: riesig, sehr ordentlich und technisch bestens ausgestattet – überall Bewegungsmelder. Besonders beeindruckend war die Sauna mit ihrem großzügigen Ruhebereich. Außerdem habe ich vier Fernseher gezählt, und sogar Käthe hat dort ihre eigene Dusche.

Am Abend sind wir dann nicht mehr losgezogen. Wir hatten beide keine Lust mehr, und außerdem hatten wir den Inhalt unseres Kühlschranks von zuhause komplett mitgebracht. Damit sind wir erst einmal bestens versorgt für die nächsten Tage. Jetzt hoffen wir vor allem, dass es Enno bald wieder besser geht.

Montag:

Auch heute stand offiziell „Erholung“ auf dem Programm – was natürlich bedeutet, dass man trotzdem ständig irgendetwas macht. Früh morgens bin ich erst einmal mit Käthe Brötchen holen gegangen. Danach wollte ich etwas für Körper und Geist tun und habe einen neuen Pilates-Onlinekurs ausprobiert. Bereits nach den ersten Sätzen wie „Stell dir vor, du bist eine Marionette“ war klar: Nicht die Übungen sind das Problem, sondern die Beschreibungen dazu.

Später haben wir dann eine kleine Fahrradtour über ungefähr 20 Kilometer gemacht. Käthe lief ihren persönlichen Anteil natürlich neben dem Fahrrad her und war vermutlich fitter als wir beide zusammen. Ziel war „Loof“ in Husum, wo wir uns heldenhaft mit Fischsuppe und Krabbenbrötchen gestärkt haben. Urlaub bedeutet schließlich, regelmäßig Kalorien nachzuführen.

Danach ging es noch zur alten Fischbude am Hafen. Dort haben wir in Rekordzeit ein kleines Vermögen ausgegeben, aber immerhin jetzt genug Fisch eingekauft, um vermutlich den Rest des Monats zu überleben.

Die Fahrräder mussten anschließend dringend geladen werden. Enno entdeckte draußen an der Hintereingangstür Steckdosen und entwickelte sofort einen ambitionierten Ladeplan: Fahrräder weg von der geschützten Überdachung und stattdessen direkt an die Steckdosen – natürlich ohne Überdachung. Der Plan war technisch allerdings noch nicht ganz ausgereift, denn nach einiger Zeit stellte sich heraus: Die Steckdosen hatten gar keinen Strom. Enno hatte vergessen, sie einzuschalten. Immerhin standen die Fahrräder dafür schon professionell im Regen.

Danach war erst einmal Siesta angesagt, inklusive Sauna. Der Ruhebereich ist so groß, dass man dort vermutlich problemlos eine mittelgroße Eigentümerversammlung abhalten könnte.

Dann begann es richtig zu regnen. Und zwar genau während unsere Fahrräder draußen beim „Laden“ standen. Überraschend. Wirklich niemand hätte damit rechnen können.

Nach der Sauna fühlte man sich allerdings wie neu geboren – plötzlich wieder Energie, gute Laune und sogar die Sonne kam wieder heraus. Fast so, als wollte das Wetter sich für den kleinen Fahrrad-Duschgang entschuldigen.

Abends sind wir dann noch bei „Das Wiesendanger“ Fisch essen gegangen. Noch mehr Fisch. Langsam beginnen wir vermutlich selbst leicht nach Nordsee zu riechen.

Dienstag:

Der Tag begann heute mit viel Sonne und einem Frühstück, das irgendwo zwischen norddeutschem Feinkostladen, holländischem Delikatessenmarkt und leicht eskalierter Vorratshaltung lag. Zur besseren Übersicht hier einmal die Speisekarte – von vorne nach hinten auf dem Tisch sortiert:

Oliven mit Rosmarin und Thymian.
Gierschtee aus Vehrte – man weiß ja nie, wann man plötzlich den inneren Kräutermenschen entdeckt.
Zweierlei Schaf-Frischkäse vom Holländer.
Ein Ingwershot aus Holland, damit der Kreislauf direkt weiß, dass Urlaub nicht automatisch Schonung bedeutet.
Dazu Stremellachs, Matjessalat in Senfsauce und Krabbensalat aus Husum – wir arbeiten weiterhin konsequent daran, irgendwann offiziell als Küstenbewohner anerkannt zu werden.
Außerdem Kalbsleberwurst in zwei Varianten und Rindersalami aus Husum. Und natürlich verschiedene Käsesorten vom Holländer, weil offenbar noch Platz auf dem Tisch war.

Käthe verweigerte ihr eigenes Frühstück komplett, weil sie fest davon überzeugt war, dass irgendwo aus Versehen etwas vom Tisch herunterfallen würde. Strategisch gar nicht so dumm.

Enno hat vorsorglich schon einmal die Fähre nach Amrum für Donnerstag gebucht. Nicht etwa aus Vorfreude, sondern aus Angst, dass die Fähre überfüllt sein könnte und wir sonst als gestrandete Festlandmenschen zurückbleiben müssten.

Danach ging es mit dem Fahrrad nach Friedrichstadt. Eine wirklich wunderschöne Tour und eine ebenso schöne Stadt – kleine Grachten, gemütliche Häuser und insgesamt genau die richtige Mischung aus Postkartenidylle und „hier könnte man eigentlich sofort wohnen“. Eine Grachtenfahrt heben wir uns allerdings für Montag auf, wenn Anita und Bernhard kommen. Man braucht schließlich noch Programmpunkte mit touristischem Anspruch.

Mittags haben wir sehr lecker beim Holländer gegessen. Ich hatte ein Gemüse-Thai-Curry und Enno einen Galloway-Burger – internationale Küche mitten in Nordfriesland, man lebt schließlich weltoffen.

Zurück in unserem Garten gab es dann noch einen Aperol Spritz. Während wir entspannt in der Sonne saßen, stalkte Käthe hochkonzentriert die Mäuse im Garten, als würde sie für eine Naturdokumentation gecastet werden.

Danach war sie komplett platt. Vermutlich vom vielen Nicht-Frühstücken und Mäuseüberwachen.

Dienstagabend:

Abends sollte  Enno dann zum ersten Mal noch „kurz“ mit Käthe rausgehen. Dafür nahm er konsequenterweise genau das Nötigste mit: weder Kotbeutel noch Handy noch Leine. Frei nach dem Motto: Vorbereitung wird völlig überbewertet.

Was als kleiner Abendspaziergang begann, entwickelte sich offenbar zu einer Mischung aus Survival-Training, Orientierungswanderung und Selbstfindungstrip. Nach einer Stunde tauchte er schließlich wieder auf – leicht ausgepowert. Ergebnis der Expedition: Er ist einen großen Bogen gelaufen, hat aber einfach keinen Weg mehr zurück nach Hause gefunden, so dass er den gleich Weg zurück suchte.

Käthe hingegen wirkte erstaunlich souverän. Vermutlich hätte sie problemlos den Rückweg gefunden, wenn jemand auf die geniale Idee gekommen wäre, sie zu fragen. 🙈

Mittwoch:

Heute haben wir zunächst sehr professionell das Wetter beobachtet und den Regen „abgewartet“. Das bedeutete konkret: Wir sind erst um 12:15 Uhr zur Fahrradtour aufgebrochen. Ziel war der Südwesten, denn Enno hatte irgendwo auf Komoot eine Tour entdeckt und damit automatisch beschlossen, dass sie gut sein musste.

Unterwegs sind wir eher zufällig beim „Roten Haubarg“ gelandet – und was für ein Glück das war. Ein wunderschönes Restaurant mit tollem Ambiente, hervorragendem Service und durchgehend warmer Küche. Allein dieser Satz klingt schon nach Luxusurlaub. Das Essen war dann endgültig überragend:
Für mich gab es einen vegetarisch gefüllten Gemüsepfannkuchen, überbacken mit Spinat und Käse, und Enno entschied sich für eine geschmorte Lammhaxe auf rotem Kartoffel-Linsengemüse mit Rosmarinsauce. Kurz gesagt: ein Festmahl, wegen dem man freiwillig nochmal durch Gegenwind radeln würde.

Während wir gemütlich drinnen saßen – Enno natürlich strategisch mit Blick aus dem Fenster – sagte er plötzlich:
„Wenn es gleich regnet, hole ich Käthes Fahrradkorb rein.“

Ich fragte vorsichtig:
„Warum erst dann und nicht einfach jetzt schon?“

Antwort:
„Könnte ja umsonst sein.“

Ich atmete innerlich ungefähr zwei Minuten lang tief durch und stand dann selbst auf, um den Korb hereinzuholen. Überraschenderweise regnete es draußen zu diesem Zeitpunkt bereits seit geraumer Zeit. Die oberste Decke war schon komplett nass, und ich begann erst einmal nach irgendeiner halbwegs trockenen Stelle für Käthe zu suchen.

Eine halbe Stunde später setzten wir unsere Fahrradtour fort. Es nieselte nur noch leicht – also quasi bestes norddeutsches Sommerwetter.

Und ab jetzt scheint nur noch die Sonne und Enno prognostiziert 25 Grad 🔮

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Donnerstag

Heute begann der Tag mit der ambitionierten Idee, freiwillig mitten im Urlaub früh aufzustehen. Um kurz vor acht ging es los Richtung Dagebüll Mole, denn die Fähre nach Amrum wartete schließlich nicht auf uns. Wir waren natürlich viel zu früh da. Ungefähr 45 Minuten. Allerdings relativierte sich dieser Zeitgewinn schnell, denn allein der Weg vom Parkplatz bis zur Fähre entwickelte sich zu einer kleinen Expedition.

Zuerst mussten die Fahrräder abgeladen werden. Dann mussten die Taschen sortiert werden. Danach musste Käthe überzeugt werden, dass Fahrradfahren weiterhin Teil ihres Lebenskonzeptes ist.

Irgendwann erreichten wir tatsächlich die Fähre – leicht verschwitzt, aber erstaunlicherweise vollständig.

Auf Amrum angekommen zeigte sich die Insel von ihrer besten Seite: Sonne, leichter Wind, blauer Himmel. Also genau dieses Wetter, bei dem sofort alle Nordseeurlaub romantisieren und vergessen, dass sie gestern noch bei zwölf Grad im Nieselregen standen.

Wir machten eine komplette Inselrundfahrt mit dem Fahrrad. Käthe war dabei eindeutig die Glücklichste von uns allen. Sie spielte mit ungefähr jedem Hund, den die Insel zu bieten hatte, raste über den Strand, ging mit mir ins Wasser und führte generell das Leben eines sehr erfolgreichen Hundes auf Wellnessreise.

Zwischendurch kehrten wir zum Essen ein. Das Essen war solide mittelmäßig – die Art von Essen, bei der man nach jedem Bissen denkt:
„Ja.“
Nicht schlecht. Nicht gut. Einfach Nahrung mit Aussicht.

Natürlich gab es unterwegs auch die obligatorische merkwürdige Begegnung. Ohne solche Menschen wäre Urlaub vermutlich gar nicht authentisch. Man trifft sie überall: Leute, die sofort schlechte Laune verbreiten, obwohl sie ebenfalls gerade auf einer wunderschönen Insel bei Sonnenschein stehen. Eine beeindruckende Leistung eigentlich.

Ansonsten war Amrum wirklich wunderschön. Für einen Tag perfekt. Länger müsste man wahrscheinlich anfangen, sich ernsthaft mit Dünengras und Gezeiten auseinanderzusetzen.

Um halb sechs ging es zurück zur Fähre. Dort hatten wir einen sogenannten Tele-Sitz mit Panoramablick gebucht. Das klang zunächst nach First-Class-Nordsee-Kreuzfahrt und war tatsächlich überraschend gemütlich. Käthe lag zufrieden auf meinem Schoß und beobachtete die Möwen mit der Konzentration einer pensionierten Hafenmeisterin.

Nach kurzer Zeit schliefen dann sowohl Enno als auch Käthe ein. Einfach gleichzeitig weggenickt. Während draußen die Nordsee vorbeizog, saß ich daneben und bewachte Mann,  Hund und vermutlich auch noch die allgemeine Stabilität des Schiffes. Irgendwer muss schließlich Verantwortung übernehmen.

Freitag

Der Tag begann mit einer längeren Grundsatzdiskussion über die heutige Fahrradtour. Genauer gesagt: Enno hatte auf Komoot eine Tour gefunden und war der Meinung, damit sei automatisch bewiesen, dass sie hervorragend ist. Ich hatte Zweifel. Wie sich herausstellen sollte: nicht ganz unbegründet.

Das Auto parkten wir irgendwo in Wubbeldüll – oder zumindest an einem Ort, der so klang, als hätte ihn sich jemand spontan ausgedacht. Dort stellte sich dann heraus, dass Enno den Fahrradakku nur bis 50 % geladen hatte. Für mich persönlich war das bereits der Beginn einer mittelschweren Krisensituation. Enno dagegen blieb vollkommen souverän. Also bekam ich die Panik einfach stellvertretend für uns beide.

Die Tour begann entlang eines Radwegs an der Schnellstraße. Schon nach kurzer Zeit stellte sich dieses besondere Urlaubsgefühl ein, bei dem man denkt:
„Dafür sind wir also extra hierher gefahren.“

Es war totenlangweilig, laut und zusätzlich musste ich dringend zur Toilette. Also machten wir Halt im Café „Zum Strandkorb“. Und plötzlich nahm der Tag emotional eine unerwartete Wendung.

Der Besitzer erzählte uns seine Geschichte: sämtliche Ersparnisse in das Café investiert, die Köchin gekündigt, ab dem 1.6. nur noch Selbstbedienung möglich, Altersvorsorge praktisch vollständig in dieses Projekt geflossen. Während andere Menschen im Urlaub leichte Unterhaltung suchen, bekamen wir stattdessen ungefragt eine Mischung aus Existenzkrise und norddeutscher Tragödie serviert.

Das Café selbst war allerdings wirklich nett und urig – genau die Art von Ort, an dem man automatisch mehr Trinkgeld gibt, weil man hinterher sonst ein schlechtes Gewissen hätte. Natürlich haben wir ihn unterstützt. Vermutlich finanzieren wir jetzt zumindest eine halbe Packung Filterkaffee.

Danach ging es endlich auf den Deich, und plötzlich wurde die Tour tatsächlich schön. Zumindest bis Enno beschloss, Käthe dort verbotenerweise frei laufen zu lassen. Käthe war begeistert. Ich weniger. Während sie glücklich über den Deich flitzte, übernahm ich zuverlässig die Rolle der mahnenden Ordnungskraft.

Kurz darauf entwickelte Enno die nächste brillante Idee:
„Wir gehen ins Wattenmeer!“

Ich stellte sofort klar, dass ich ganz sicher nicht freiwillig in den Schlick steige. Ich mag weder Matsch zwischen den Zehen noch die Vorstellung, versehentlich auf irgendwelche Krebse zu treten, die dort vermutlich seit Jahrhunderten friedlich leben.

Enno trug Käthe trotzdem die Treppe hinunter Richtung Watt. Er setzte sie unten ab – und Käthe traf eine sehr klare Entscheidung fürs Leben: Sie lief sofort wieder die Treppe hoch. Direkt zu mir. In Sicherheit. Endlich zeigte jemand in dieser Familie vernünftiges Urteilsvermögen.

Irgendwann erbarmte sie sich allerdings doch und konnte Ennos Rufen offenbar nicht länger ignorieren. Also stapfte sie wieder zu ihm ins Watt. Dort verbrachten die beiden etwas Zeit miteinander, bis Käthe erneut beschloss, dass das Abenteuer überschätzt wird, und zu mir zurückkehrte. Komplett voller Matsch.

Später versuchte Enno erst sich selbst und dann Käthe an irgendeiner Außendusche sauber zu bekommen. Das Ergebnis: Käthes Handtuch ist jetzt schwarz gefleckt und sieht aus, als hätte es eine Wattwanderung ohne Überlebenschance hinter sich.

Danach setzten wir die Fahrradtour fort und versuchten verzweifelt, irgendwo einzukehren. Allerdings gefiel „dem Herrn“ offenbar keine einzige Möglichkeit. Zu voll, zu leer, zu modern, zu ungemütlich – irgendetwas war immer.

Also fuhren wir schließlich mit letzter Akkuleistung zurück zum Auto. Ich innerlich bereits auf die Vorstellung vorbereitet, die letzten Kilometer schiebend durch Wubbeldüll zu verbringen, während Enno weiterhin behauptet hätte:
„Das reicht locker noch.“