Vom 17. bis zum 29. Mai 2026









Sonntag:
Unser Urlaub begann schon mit einem kleinen Zwischenstopp beim Tierarzt, um sicherzugehen, dass wir auch wirklich Käthes Leinen dabeihatten. Danach ging es endlich los – wobei Enno zunächst auf die A30 fahren wollte, statt wie geplant die A1 zu nehmen. Zum Glück fiel der kleine Navigationsfehler schnell auf und wir konnten entspannt weiterfahren.
Während der Fahrt habe ich sogar an einem Socken gestrickt. Fertig geworden ist er zwar fast, aber natürlich fehlte genau die Nadel, um am Ende den Faden zu vernähen. Typisch.
Die Fahrt verlief überraschend gut, sodass wir bereits um 13:30 Uhr angekommen sind. Leider war unsere Unterkunft noch nicht bezugsfertig, denn die Reinigung war noch nicht abgeschlossen. Enno hatte gehofft, dass wir schon vor 16 Uhr hinein könnten. Also beschlossen wir kurzerhand, die Fahrräder startklar zu machen und die Umgebung zu erkunden.
Unser erster Halt war der Außenhafen, wo wir uns direkt ein leckeres Krabbenbrötchen gegönnt haben. Danach ging es weiter zum Piratenfest in der Stadt. Der Ort selbst ist sehr nett – überschaubar, gemütlich und mit einem erstaunlich großen gastronomischen Angebot.
Allerdings ging es Enno nicht besonders gut. Er fror ständig, musste niesen und hatte Hals- und Kopfschmerzen, was ihn schon seit zwei Tagen begleitet. Deshalb beschlossen wir, zurück zur Unterkunft zu fahren und den Abend ruhig anzugehen.
Das Haus hat uns sofort begeistert: riesig, sehr ordentlich und technisch bestens ausgestattet – überall Bewegungsmelder. Besonders beeindruckend war die Sauna mit ihrem großzügigen Ruhebereich. Außerdem habe ich vier Fernseher gezählt, und sogar Käthe hat dort ihre eigene Dusche.
Am Abend sind wir dann nicht mehr losgezogen. Wir hatten beide keine Lust mehr, und außerdem hatten wir den Inhalt unseres Kühlschranks von zuhause komplett mitgebracht. Damit sind wir erst einmal bestens versorgt für die nächsten Tage. Jetzt hoffen wir vor allem, dass es Enno bald wieder besser geht.

Montag:
Auch heute stand offiziell „Erholung“ auf dem Programm – was natürlich bedeutet, dass man trotzdem ständig irgendetwas macht. Früh morgens bin ich erst einmal mit Käthe Brötchen holen gegangen. Danach wollte ich etwas für Körper und Geist tun und habe einen neuen Pilates-Onlinekurs ausprobiert. Bereits nach den ersten Sätzen wie „Stell dir vor, du bist eine Marionette“ war klar: Nicht die Übungen sind das Problem, sondern die Beschreibungen dazu.
Später haben wir dann eine kleine Fahrradtour über ungefähr 20 Kilometer gemacht. Käthe lief ihren persönlichen Anteil natürlich neben dem Fahrrad her und war vermutlich fitter als wir beide zusammen. Ziel war „Loof“ in Husum, wo wir uns heldenhaft mit Fischsuppe und Krabbenbrötchen gestärkt haben. Urlaub bedeutet schließlich, regelmäßig Kalorien nachzuführen.
Danach ging es noch zur alten Fischbude am Hafen. Dort haben wir in Rekordzeit ein kleines Vermögen ausgegeben, aber immerhin jetzt genug Fisch eingekauft, um vermutlich den Rest des Monats zu überleben.
Die Fahrräder mussten anschließend dringend geladen werden. Enno entdeckte draußen an der Hintereingangstür Steckdosen und entwickelte sofort einen ambitionierten Ladeplan: Fahrräder weg von der geschützten Überdachung und stattdessen direkt an die Steckdosen – natürlich ohne Überdachung. Der Plan war technisch allerdings noch nicht ganz ausgereift, denn nach einiger Zeit stellte sich heraus: Die Steckdosen hatten gar keinen Strom. Enno hatte vergessen, sie einzuschalten. Immerhin standen die Fahrräder dafür schon professionell im Regen.
Danach war erst einmal Siesta angesagt, inklusive Sauna. Der Ruhebereich ist so groß, dass man dort vermutlich problemlos eine mittelgroße Eigentümerversammlung abhalten könnte.
Dann begann es richtig zu regnen. Und zwar genau während unsere Fahrräder draußen beim „Laden“ standen. Überraschend. Wirklich niemand hätte damit rechnen können.
Nach der Sauna fühlte man sich allerdings wie neu geboren – plötzlich wieder Energie, gute Laune und sogar die Sonne kam wieder heraus. Fast so, als wollte das Wetter sich für den kleinen Fahrrad-Duschgang entschuldigen.
Abends sind wir dann noch bei „Das Wiesendanger“ Fisch essen gegangen. Noch mehr Fisch. Langsam beginnen wir vermutlich selbst leicht nach Nordsee zu riechen.
Dienstag:
Der Tag begann heute mit viel Sonne und einem Frühstück, das irgendwo zwischen norddeutschem Feinkostladen, holländischem Delikatessenmarkt und leicht eskalierter Vorratshaltung lag. Zur besseren Übersicht hier einmal die Speisekarte – von vorne nach hinten auf dem Tisch sortiert:

Oliven mit Rosmarin und Thymian.
Gierschtee aus Vehrte – man weiß ja nie, wann man plötzlich den inneren Kräutermenschen entdeckt.
Zweierlei Schaf-Frischkäse vom Holländer.
Ein Ingwershot aus Holland, damit der Kreislauf direkt weiß, dass Urlaub nicht automatisch Schonung bedeutet.
Dazu Stremellachs, Matjessalat in Senfsauce und Krabbensalat aus Husum – wir arbeiten weiterhin konsequent daran, irgendwann offiziell als Küstenbewohner anerkannt zu werden.
Außerdem Kalbsleberwurst in zwei Varianten und Rindersalami aus Husum. Und natürlich verschiedene Käsesorten vom Holländer, weil offenbar noch Platz auf dem Tisch war.
Käthe verweigerte ihr eigenes Frühstück komplett, weil sie fest davon überzeugt war, dass irgendwo aus Versehen etwas vom Tisch herunterfallen würde. Strategisch gar nicht so dumm.
Enno hat vorsorglich schon einmal die Fähre nach Amrum für Donnerstag gebucht. Nicht etwa aus Vorfreude, sondern aus Angst, dass die Fähre überfüllt sein könnte und wir sonst als gestrandete Festlandmenschen zurückbleiben müssten.
Danach ging es mit dem Fahrrad nach Friedrichstadt. Eine wirklich wunderschöne Tour und eine ebenso schöne Stadt – kleine Grachten, gemütliche Häuser und insgesamt genau die richtige Mischung aus Postkartenidylle und „hier könnte man eigentlich sofort wohnen“. Eine Grachtenfahrt heben wir uns allerdings für Montag auf, wenn Anita und Bernhard kommen. Man braucht schließlich noch Programmpunkte mit touristischem Anspruch.
Mittags haben wir sehr lecker beim Holländer gegessen. Ich hatte ein Gemüse-Thai-Curry und Enno einen Galloway-Burger – internationale Küche mitten in Nordfriesland, man lebt schließlich weltoffen.

Zurück in unserem Garten gab es dann noch einen Aperol Spritz. Während wir entspannt in der Sonne saßen, stalkte Käthe hochkonzentriert die Mäuse im Garten, als würde sie für eine Naturdokumentation gecastet werden.
Danach war sie komplett platt. Vermutlich vom vielen Nicht-Frühstücken und Mäuseüberwachen.
Dienstagabend:
Abends sollte Enno dann zum ersten Mal noch „kurz“ mit Käthe rausgehen. Dafür nahm er konsequenterweise genau das Nötigste mit: weder Kotbeutel noch Handy noch Leine. Frei nach dem Motto: Vorbereitung wird völlig überbewertet.
Was als kleiner Abendspaziergang begann, entwickelte sich offenbar zu einer Mischung aus Survival-Training, Orientierungswanderung und Selbstfindungstrip. Nach einer Stunde tauchte er schließlich wieder auf – leicht ausgepowert. Ergebnis der Expedition: Er ist einen großen Bogen gelaufen, hat aber einfach keinen Weg mehr zurück nach Hause gefunden, so dass er den gleich Weg zurück suchte.
Käthe hingegen wirkte erstaunlich souverän. Vermutlich hätte sie problemlos den Rückweg gefunden, wenn jemand auf die geniale Idee gekommen wäre, sie zu fragen. 🙈
Mittwoch:
Heute haben wir zunächst sehr professionell das Wetter beobachtet und den Regen „abgewartet“. Das bedeutete konkret: Wir sind erst um 12:15 Uhr zur Fahrradtour aufgebrochen. Ziel war der Südwesten, denn Enno hatte irgendwo auf Komoot eine Tour entdeckt und damit automatisch beschlossen, dass sie gut sein musste.
Unterwegs sind wir eher zufällig beim „Roten Haubarg“ gelandet – und was für ein Glück das war. Ein wunderschönes Restaurant mit tollem Ambiente, hervorragendem Service und durchgehend warmer Küche. Allein dieser Satz klingt schon nach Luxusurlaub. Das Essen war dann endgültig überragend:
Für mich gab es einen vegetarisch gefüllten Gemüsepfannkuchen, überbacken mit Spinat und Käse, und Enno entschied sich für eine geschmorte Lammhaxe auf rotem Kartoffel-Linsengemüse mit Rosmarinsauce. Kurz gesagt: ein Festmahl, wegen dem man freiwillig nochmal durch Gegenwind radeln würde.
Während wir gemütlich drinnen saßen – Enno natürlich strategisch mit Blick aus dem Fenster – sagte er plötzlich:
„Wenn es gleich regnet, hole ich Käthes Fahrradkorb rein.“
Ich fragte vorsichtig:
„Warum erst dann und nicht einfach jetzt schon?“
Antwort:
„Könnte ja umsonst sein.“
Ich atmete innerlich ungefähr zwei Minuten lang tief durch und stand dann selbst auf, um den Korb hereinzuholen. Überraschenderweise regnete es draußen zu diesem Zeitpunkt bereits seit geraumer Zeit. Die oberste Decke war schon komplett nass, und ich begann erst einmal nach irgendeiner halbwegs trockenen Stelle für Käthe zu suchen.
Eine halbe Stunde später setzten wir unsere Fahrradtour fort. Es nieselte nur noch leicht – also quasi bestes norddeutsches Sommerwetter.
Und ab jetzt scheint nur noch die Sonne und Enno prognostiziert 25 Grad 🔮



Donnerstag
Heute begann der Tag mit der ambitionierten Idee, freiwillig mitten im Urlaub früh aufzustehen. Um kurz vor acht ging es los Richtung Dagebüll Mole, denn die Fähre nach Amrum wartete schließlich nicht auf uns. Wir waren natürlich viel zu früh da. Ungefähr 45 Minuten. Allerdings relativierte sich dieser Zeitgewinn schnell, denn allein der Weg vom Parkplatz bis zur Fähre entwickelte sich zu einer kleinen Expedition.
Zuerst mussten die Fahrräder abgeladen werden. Dann mussten die Taschen sortiert werden. Danach musste Käthe überzeugt werden, dass Fahrradfahren weiterhin Teil ihres Lebenskonzeptes ist.
Irgendwann erreichten wir tatsächlich die Fähre – leicht verschwitzt, aber erstaunlicherweise vollständig.
Auf Amrum angekommen zeigte sich die Insel von ihrer besten Seite: Sonne, leichter Wind, blauer Himmel. Also genau dieses Wetter, bei dem sofort alle Nordseeurlaub romantisieren und vergessen, dass sie gestern noch bei zwölf Grad im Nieselregen standen.
Wir machten eine komplette Inselrundfahrt mit dem Fahrrad. Käthe war dabei eindeutig die Glücklichste von uns allen. Sie spielte mit ungefähr jedem Hund, den die Insel zu bieten hatte, raste über den Strand, ging mit mir ins Wasser und führte generell das Leben eines sehr erfolgreichen Hundes auf Wellnessreise.

Zwischendurch kehrten wir zum Essen ein. Das Essen war solide mittelmäßig – die Art von Essen, bei der man nach jedem Bissen denkt:
„Ja.“
Nicht schlecht. Nicht gut. Einfach Nahrung mit Aussicht.
Natürlich gab es unterwegs auch die obligatorische merkwürdige Begegnung. Ohne solche Menschen wäre Urlaub vermutlich gar nicht authentisch. Man trifft sie überall: Leute, die sofort schlechte Laune verbreiten, obwohl sie ebenfalls gerade auf einer wunderschönen Insel bei Sonnenschein stehen. Eine beeindruckende Leistung eigentlich.
Ansonsten war Amrum wirklich wunderschön. Für einen Tag perfekt. Länger müsste man wahrscheinlich anfangen, sich ernsthaft mit Dünengras und Gezeiten auseinanderzusetzen.
Um halb sechs ging es zurück zur Fähre. Dort hatten wir einen sogenannten Tele-Sitz mit Panoramablick gebucht. Das klang zunächst nach First-Class-Nordsee-Kreuzfahrt und war tatsächlich überraschend gemütlich. Käthe lag zufrieden auf meinem Schoß und beobachtete die Möwen mit der Konzentration einer pensionierten Hafenmeisterin.

Nach kurzer Zeit schliefen dann sowohl Enno als auch Käthe ein. Einfach gleichzeitig weggenickt. Während draußen die Nordsee vorbeizog, saß ich daneben und bewachte Mann, Hund und vermutlich auch noch die allgemeine Stabilität des Schiffes. Irgendwer muss schließlich Verantwortung übernehmen.
Freitag
Der Tag begann mit einer längeren Grundsatzdiskussion über die heutige Fahrradtour. Genauer gesagt: Enno hatte auf Komoot eine Tour gefunden und war der Meinung, damit sei automatisch bewiesen, dass sie hervorragend ist. Ich hatte Zweifel. Wie sich herausstellen sollte: nicht ganz unbegründet.
Das Auto parkten wir irgendwo in Wubbeldüll – oder zumindest an einem Ort, der so klang, als hätte ihn sich jemand spontan ausgedacht. Dort stellte sich dann heraus, dass Enno den Fahrradakku nur bis 50 % geladen hatte. Für mich persönlich war das bereits der Beginn einer mittelschweren Krisensituation. Enno dagegen blieb vollkommen souverän. Also bekam ich die Panik einfach stellvertretend für uns beide.
Die Tour begann entlang eines Radwegs an der Schnellstraße. Schon nach kurzer Zeit stellte sich dieses besondere Urlaubsgefühl ein, bei dem man denkt:
„Dafür sind wir also extra hierher gefahren.“
Es war totenlangweilig, laut und zusätzlich musste ich dringend zur Toilette. Also machten wir Halt im Café „Zum Strandkorb“. Und plötzlich nahm der Tag emotional eine unerwartete Wendung.
Der Besitzer erzählte uns seine Geschichte: sämtliche Ersparnisse in das Café investiert, die Köchin gekündigt, ab dem 1.6. nur noch Selbstbedienung möglich, Altersvorsorge praktisch vollständig in dieses Projekt geflossen. Während andere Menschen im Urlaub leichte Unterhaltung suchen, bekamen wir stattdessen ungefragt eine Mischung aus Existenzkrise und norddeutscher Tragödie serviert.
Das Café selbst war allerdings wirklich nett und urig – genau die Art von Ort, an dem man automatisch mehr Trinkgeld gibt, weil man hinterher sonst ein schlechtes Gewissen hätte. Natürlich haben wir ihn unterstützt. Vermutlich finanzieren wir jetzt zumindest eine halbe Packung Filterkaffee.
Danach ging es endlich auf den Deich, und plötzlich wurde die Tour tatsächlich schön. Zumindest bis Enno beschloss, Käthe dort verbotenerweise frei laufen zu lassen. Käthe war begeistert. Ich weniger. Während sie glücklich über den Deich flitzte, übernahm ich zuverlässig die Rolle der mahnenden Ordnungskraft.
Kurz darauf entwickelte Enno die nächste brillante Idee:
„Wir gehen ins Wattenmeer!“
Ich stellte sofort klar, dass ich ganz sicher nicht freiwillig in den Schlick steige. Ich mag weder Matsch zwischen den Zehen noch die Vorstellung, versehentlich auf irgendwelche Krebse zu treten, die dort vermutlich seit Jahrhunderten friedlich leben.
Enno trug Käthe trotzdem die Treppe hinunter Richtung Watt. Er setzte sie unten ab – und Käthe traf eine sehr klare Entscheidung fürs Leben: Sie lief sofort wieder die Treppe hoch. Direkt zu mir. In Sicherheit. Endlich zeigte jemand in dieser Familie vernünftiges Urteilsvermögen.
Irgendwann erbarmte sie sich allerdings doch und konnte Ennos Rufen offenbar nicht länger ignorieren. Also stapfte sie wieder zu ihm ins Watt. Dort verbrachten die beiden etwas Zeit miteinander, bis Käthe erneut beschloss, dass das Abenteuer überschätzt wird, und zu mir zurückkehrte. Komplett voller Matsch.
Später versuchte Enno erst sich selbst und dann Käthe an irgendeiner Außendusche sauber zu bekommen. Das Ergebnis: Käthes Handtuch ist jetzt schwarz gefleckt und sieht aus, als hätte es eine Wattwanderung ohne Überlebenschance hinter sich.
Danach setzten wir die Fahrradtour fort und versuchten verzweifelt, irgendwo einzukehren. Allerdings gefiel „dem Herrn“ offenbar keine einzige Möglichkeit. Zu voll, zu leer, zu modern, zu ungemütlich – irgendetwas war immer.
Also fuhren wir schließlich mit letzter Akkuleistung zurück zum Auto. Ich innerlich bereits auf die Vorstellung vorbereitet, die letzten Kilometer schiebend durch Wubbeldüll zu verbringen, während Enno weiterhin behauptet hätte:
„Das reicht locker noch.“
Samstag
Heute stand – völlig überraschend – mal wieder eine Fahrradtour auf dem Programm. Geplant waren entspannte 30 Kilometer durch die nordfriesische Landschaft. Was kann da schon schiefgehen?
Nun ja.
Nach ungefähr dem ersten Drittel der Strecke sprang mir plötzlich die Kette ab. Nicht einfach so ein bisschen herunter, sondern richtig professionell. Mit Verklemmen, Verhaken und dem klaren Wunsch, nie wieder auf dieses Fahrrad zurückzukehren.
Während Käthe die Gelegenheit nutzte, auf der ruhigen Seitenstraße frei herumzulaufen und das Leben zu genießen, war Enno… nun ja, Enno. Er stand daneben und verbreitete die Art von Optimismus, die für Menschen mit ölverschmierten Händen nur begrenzt hilfreich ist.
Nach zahlreichen erfolglosen Versuchen kam mir schließlich die Erziehung meines Vaters in den Sinn. Er war immer der festen Überzeugung, dass ich alles selbst reparieren können sollte. Damals fand ich das oft übertrieben. Heute stand ich irgendwo in Nordfriesland neben einem umgedrehten Fahrrad und dachte: Verdammt, …..!
Also Fahrrad auf den Kopf gestellt, geflucht, gezogen, gedrückt, geklemmt, erneut geflucht und nach gefühlt 87 Versuchen war die Kette tatsächlich wieder drauf.
Das Ergebnis:
schwarze Hände,
schwarze Arme,
schwarze Fingernägel,
Kette wieder montiert,
und irgendein Teil der Schaltung stand plötzlich schief.
Bis heute weiß ich nicht, wie dieses Teil heißt. Schaltauge? Umlenkrolle? Schaltwerk? Kettenführungsdingens? Fahrradexperten werden es wissen. Ich nicht. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits in der Phase „genervt und leicht aggressiv“.
Der nächste Plan war einfach zurück zum Auto zu fahren. Allerdings stellte sich heraus, dass die Schaltung nur noch im fünften Gang funktionierte. Hochschalten ging. Herunterschalten besser nicht. Gar nicht. Niemals.
Also beschlossen wir, die Tour einfach zu Ende zu fahren. Was soll schon passieren?
Die restlichen Kilometer verliefen technisch erstaunlich gut, emotional dagegen weniger. Ich war ziemlich schlecht gelaunt. Enno konnte das überhaupt nicht nachvollziehen.
„Die Kette ist doch wieder drauf.“
Ja. Und die Titanic schwamm nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg auch noch eine Weile.
Nach der Tour fuhren wir zur Radstation nach Husum. Sämtliche anderen Fahrradwerkstätten hatten samstags natürlich bereits um 13 Uhr geschlossen, denn warum sollte jemand am Wochenende einen Fahrraddefekt haben?
Dort erklärte mir ein sehr freundlicher osteuropäischer Mitarbeiter, dass er zwar dort arbeite, aber an der Schaltung nichts machen dürfe. Dafür müsse ich bis Dienstag warten, wenn der Fachmann wieder da sei.
Kurz gesagt: Mein Fahrrad war kaputt genug, um mich zu nerven, aber nicht kaputt genug, damit es jemand repariert.
Also luden wir die Fahrräder wieder auf und fuhren noch einkaufen. Das erledigte Enno komplett allein. Nicht aus besonderer Fürsorge, sondern weil ich schlechte Laune hatte, es sehr heiß war und Käthe nicht allein im Auto bleiben sollte. Manchmal ergeben sich Prioritäten ganz von selbst.
Wieder zuhause angekommen, ließ mir das Fahrrad natürlich keine Ruhe. Also schnappte ich es mir erneut und begann eine Reparatur nach dem Prinzip „Improvisation ist eine Lebenseinstellung“.
Mangels Spezialwerkzeug kamen unter anderem zum Einsatz:
Strohhalme,
Küchenpapier,
diverse Putzlappen,
und ein bemerkenswert hoher Grad an Verzweiflung.
Ich reinigte sämtliche Ritzel, schraubte alles auseinander, baute alles wieder zusammen und hoffte auf ein Wunder.
Und tatsächlich: Die Schaltung funktionierte wieder.
Zwar steht irgendetwas immer noch leicht schief, aber das Fahrrad schaltet wieder durch alle Gänge. In der Fahrradtechnik nennt man das vermutlich „fachgerecht instand gesetzt“. Oder „Glück gehabt“.
Danach hatte ich definitiv keine Lust mehr, abends noch irgendwo essen zu gehen. Meine Fingernägel waren weiterhin schwarz, meine Motivation aufgebraucht und mein Bedarf an technischen Herausforderungen für diese Woche vollständig gedeckt.
Deshalb haben wir etwas getan, was wir in unserem ganzen Leben noch nie gemacht hatten:
Wir haben bei Lieferando bestellt.
Die Pizza war sensationell.
So sensationell, dass wir den Rest des Abends damit verbrachten, darüber zu sprechen, warum wir das nicht schon vor Jahren ausprobiert haben.
Möglicherweise ist dies das eigentliche Urlaubs-Highlight des Tages:
Nicht die Fahrradtour.
Nicht die Selbstreparatur.
Nicht die gerettete Schaltung.
Sondern die Erkenntnis, dass man sich großartige Pizza einfach liefern lassen kann. Willkommen im 21. Jahrhundert. 🍕🚲😅

„Die Titanic fuhr nach dem Zusammenstoß auch…“ Ich kriege mich nicht wieder ein 😂 und der hilfreiche Enno „das klappt schon..“
Wie gut, dass du so ein praktisch veranlagter Mensch bist!!! Ich zolle dir hier öffentlich Respekt und Anerkennung!!!!! Du bist meine Heldin und mit deinen Berichten wird der Start in den Tag einfach sensationell; oder in neudeutsch „you make my day „
- Christiane
schon wieder Sonntag:
Der Tag begann mit einer überraschenden Ankündigung von Enno:
„Heute machen wir mal einen ruhigen Tag.“
Wer unsere bisherigen Urlaubstage kennt, weiß, dass dieser Satz ungefähr dieselbe Verlässlichkeit besitzt wie eine Wettervorhersage an der Nordsee.
Erstaunlicherweise gelang uns die Umsetzung zunächst sogar ganz gut. Bis 13 Uhr hielten wir uns auf der Terrasse und im Garten auf, lasen, dösten, beobachteten Käthe und genossen die seltene Erfahrung, einmal nichts zu tun. Käthe nutzte die Zeit vermutlich, um Kräfte für die nächste Mäusejagd zu sammeln.


Dann kam Enno auf die Idee, eine kleine Fahrradtour zu machen.
Das Wort „klein“ hat in diesem Urlaub inzwischen eine ähnlich flexible Bedeutung wie „gleich“ oder „nur kurz“.
Also fuhren wir Richtung Hundestrand. Dort angekommen stellten wir fest, dass direkt vor Ort eine riesige Baustelle eingerichtet worden war. Offenbar hatte niemand berücksichtigt, dass wir heute dort sitzen wollten.
Dazu kam ein Wind, der problemlos kleinere Segelboote hätte umdrehen können. Wir saßen in der Sonne, eingepackt in dicke Pullover, und froren trotzdem. Das ist diese ganz besondere norddeutsche Mischung aus Sonnenbrand im Gesicht und kalten Ohren.
Der Wind kam von vorne.
Der Wind kam von hinten.
Der Wind kam von der Seite.
Vermutlich hatte er zwischenzeitlich sogar die Richtung aufgegeben und kam einfach von überall gleichzeitig.

Trotzdem war es schön.
Anschließend radelten wir zurück zum Blinkfuer, wo wir mit hervorragendem Spargel mit Schnitzel und einem Salat mit Nordseekrabben belohnt wurden. Urlaub besteht zu einem erstaunlich großen Teil daraus, von einer Mahlzeit zur nächsten zu planen.
Auf dem Rückweg durch die Stadt kamen wir dann noch bei Loof vorbei. Eigentlich wollten wir nur mal schauen. Das Ergebnis war vorhersehbar.
Wir kauften etwas Räucherfisch.
Dann Krabben.
Dann Salat.
Dann Bratheringe.
Dann noch mehr Heringe.
Und weil das alles noch nicht ganz ausreichend erschien, wanderten auch noch Krabbenchips in die Tasche.
Kurz gesagt: Wir verließen den Laden mit Vorräten, die ausreichen würden, um eine mittelgroße Küstenwanderung zu versorgen. Sollte in den nächsten Tagen irgendeine Versorgungskrise eintreten, werden wir vermutlich die Letzten sein, die davon betroffen sind.
Währenddessen bereitete sich am Hafen ein Partyschiff auf das Boarding vor. Offenbar gibt es hier eine feste Tradition: An bestimmten Abenden legt das Schiff um 18 Uhr ab und kehrt gegen 22 Uhr zurück.
Ich stelle mir vor, wie dort jeden Abend Menschen über die Nordsee schunkeln, tanzen und versuchen, ihre Getränke trotz Wellengang in den Gläsern zu behalten. Wir beobachteten das Spektakel lieber aus sicherer Entfernung.
Danach gönnten wir uns noch ein Eis. Rein aus touristischen Gründen natürlich. Schließlich musste zwischen den Fischvorräten und dem Abendessen noch irgendwo Platz für ein Dessert geschaffen werden.
Den Tagesabschluss bildete – inzwischen festes Ritual – ein Sundowner im Garten. Umgeben von unseren frisch erworbenen Fischreserven saßen wir entspannt auf der Terrasse und blickten auf einen erstaunlich gelungenen „ruhigen Tag“ zurück.
Und so endete der Sonntag mit einer wichtigen Erkenntnis:
Wenn Enno einen ruhigen Tag ankündigt, bedeutet das zwar immer noch mehrere Fahrradtouren, Restaurantbesuche, Strandaufenthalte, Einkäufe und Eisessen – aber immerhin keine Fahrradreparatur. Das muss man inzwischen schon als echten Fortschritt werten. 🍹🚴♂️🐟🌊😄
Montag
Heute begrüßte uns der Urlaub erneut mit wunderbarem Wetter. Langsam entsteht der Verdacht, dass die Nordsee uns nach den ersten Regentagen nun dauerhaft besänftigen möchte.
Der große Programmpunkt des Tages war die Anreise von Anita und Bernhard. Sie wollten uns in unserem Urlaub besuchen und bis Samstag bleiben. Das Problem dabei: Wir wussten nicht, wann sie ankommen würden.
Also planten wir konsequenterweise nichts.
Wer schon einmal auf jemanden gewartet hat, kennt das Prinzip: Man möchte nicht weit wegfahren, falls die Gäste gleich kommen.
Wir entschieden uns für Fuhlehörn am Nordstrand. Dort machten wir zunächst eine kleine Wattwanderung. „Wandern“ ist dabei vielleicht etwas großzügig formuliert. Tatsächlich bestand ein großer Teil der Aktivität daraus, möglichst nicht auszurutschen. Das Watt hatte jedenfalls andere Pläne mit uns und versuchte mehrfach, uns dauerhaft als Teil der Landschaft zu integrieren.

Nachdem wir das Watt unfallfrei wieder verlassen hatten, setzten wir uns auf eine Bank am Deich. Dort genossen wir die Aussicht, die Ruhe und den Wind.

Vor allem den Wind.
Der wehte – wie inzwischen üblich – aus allen Richtungen gleichzeitig. Wir saßen in der Sonne und froren. Ein Zustand, den vermutlich nur Nordseeurlauber nachvollziehen können.
Als wir ausreichend durchgepustet waren, fuhren wir zurück zur Unterkunft und nahmen auf unserer Terrasse Stellung. Von dort aus konnte man hervorragend auf Anita und Bernhard warten.
Am Nachmittag trafen die beiden schließlich ein. Nach der herzlichen Begrüßung verbrachten wir den restlichen Nachmittag hauptsächlich auf der Terrasse. Vier Menschen, ein Urlaubshaus, gutes Wetter und ausreichend Getränke – mehr braucht es manchmal gar nicht.
Irgendwann beschlossen wir, ungewöhnlich früh zum Hafen zu fahren, um essen zu gehen. Ein mutiger Plan, der sich tatsächlich auszahlte: Im „Compass“ bekamen wir ohne Probleme einen Tisch.
Und das Essen war wirklich hervorragend.
Die meisten von uns entschieden sich für Fischvariationen mit wunderbar knusprigen Bratkartoffeln. Nur Enno musste natürlich wieder etwas aus der Reihe tanzen und bestellte Bandnudeln mit Krabben.
Nach dem Essen besichtigten wir noch Bernhards und Anitas Dachgeschosswohnung direkt am Hafen. „Wohnung“ klingt dabei fast untertrieben. Die Wohnung ist so schön, gemütlich und wirkt großzügig, dass man sich spontan fragte, ob man nicht einfach dort bleiben könnte.
Zum Abschluss des Tages zog es uns noch in den Beach Club. Dort genossen wir gemeinsam den Sonnenuntergang, während die letzten Sonnenstrahlen den Hafen in warmes Licht tauchten.

Ein perfekter Urlaubstag also:
Ein bisschen Watt.
Ein bisschen Wind.
Viel Terrasse.
Gutes Essen.
Nette Gesellschaft.
Und das Beste: Niemand musste unterwegs eine Fahrradkette reparieren. Inzwischen sind die Ansprüche ja überschaubar geworden. 🌅🌊🍤🍷😄
Für deinen Urlaubsbericht passt dieser Stil:
Dienstag
Heute begann der Tag mit einem ausgiebigen gemeinsamen Frühstück. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass wir im Urlaub grundsätzlich so einkaufen, als müssten wir für mehrere Wochen autark überleben. Entsprechend reichhaltig fiel das Buffet aus.
Anita und Bernhard hatten den ehrgeizigen Plan, die komplette heutige Tour mit dem Fahrrad zu fahren. Enno und ich hatten dagegen zunächst eine etwas weniger romantische Mission: mein Fahrrad zur Reparatur bringen.
Also zuerst zu Clausen. Die Diagnose war schnell gestellt: Das Schaltauge war verbogen. Offenbar hatte die Fahrradkette vom Samstag doch nachhaltigere Spuren hinterlassen als zunächst angenommen. Die gute Nachricht: Das Fahrrad sollte um 15:30 Uhr fertig sein.
Danach ging es weiter zur Radstation, wo wir für mich ein E-Bike ausliehen. Schon wieder stand ich mit ölverschmierten Händen da und hatte neue Flecken auf meiner kurzen Hose. Langsam sehe ich aus wie jemand, der beruflich in einer Werkstatt arbeitet und nur zufällig Urlaub macht.
Unser vereinbarter Treffpunkt mit Anita und Bernhard war das Café „Zum Strandkorb“. Wir mit dem Auto, die beiden mit dem Fahrrad. Ein perfekter Plan.
Wäre das Café geöffnet gewesen.
War es aber nicht.
Also gab es für Anita und Bernhard keine Pause, sondern direkt die Weiterfahrt über den Damm zur Hamburger Hallig. Urlaub ist schließlich kein Erholungsprogramm.
Dort erwartete uns allerdings eine der größten kulinarischen Überraschungen dieses Urlaubs. Keiner von uns hatte mit einem solchen Essen gerechnet.
Es gab Lammfrikadellen, Lammeintopf, vegetarische Maultaschen mit Spargel und Frischkäsefüllung und für Enno natürlich einen Fischteller mit Krabben. Irgendwann wird er vermutlich selbst zu einem Teil Krabbe bestehen.
Das Essen war schlicht sensationell. Einer dieser seltenen Momente, in denen am Tisch plötzlich Ruhe herrscht, weil alle nur noch essen.

Nach diesem Festmahl trennten sich unsere Wege. Anita und Bernhard fuhren mit kräftigem Rückenwind zurück Richtung Unterkunft, während wir das Leih-E-Bike zurückbrachten, mein repariertes Fahrrad abholten und anschließend mit dem Auto nach Hause fuhren.
Unterwegs führte uns Google Maps an einer frischen Unfallstelle vorbei. Die Straße war bereits geräumt, aber die langen Bremsspuren auf dem Asphalt erzählten noch recht deutlich, dass dort kurz zuvor etwas passiert sein musste.
Zu Hause stellten wir dann fest, dass Anita und Bernhard fast zeitgleich mit uns angekommen wären – trotz Fahrrad und trotz unserer Autofahrt.
Fast.
Denn Anita hatte unterwegs noch eine kleine Einkaufstour eingelegt. Boutique. DM. Edeka. Vermutlich noch zwei weitere Geschäfte, die wir gar nicht mitbekommen haben.
Dank Rückenwind waren die beiden trotzdem nahezu genauso schnell wie wir mit dem Auto. Das ist entweder ein beeindruckendes Kompliment für ihre Fitness oder eine vernichtende Kritik an unserer Verkehrssituation.
Der Abend verlief dann nach bewährtem Urlaubsritual: Aperol Spritz und Caipirinha im Garten, viel Gerede und die langsam sinkende Sonne.
Danach gingen wir noch essen.
Wobei „wir“ etwas übertrieben ist. Eigentlich hatte vor allem ich Hunger. Die anderen schienen noch mehrere Stunden von den kulinarischen Ereignissen der Hamburger Hallig zehren zu können.
Besonders Bernhard hatte seine Prioritäten schnell erkannt. Während andere die Speisekarte studieren, entdeckte er sofort die Happy Hour:
Zwei Bier zum Preis von einem.
Oder alternativ eine Flasche Prosecco inklusive Krabbenchips.
Während wir anderen noch überlegten, was wir trinken möchten, hatte Bernhard bereits die wirklich wichtigen Informationen entdeckt. Happy Hour, Sonderangebote und Preisvorteile scheinen auf ihn eine magische Anziehungskraft auszuüben. Ein echtes Trüffelschwein für Schnäppchen – und bislang hat er noch jede Perle gefunden.
Mittwoch
Heute stand ein Ausflug nach Sankt Peter-Ording auf dem Programm, denn wir wollten Christiane besuchen. Schon die Anreise begann überraschend luxuriös.
Wir parkten im Parkhaus direkt in der ersten Reihe.
Während normale Menschen sich darüber freuen, den günstigsten Parkplatz in der Strandnähe zu bekommen, kommentierte Bernhard trocken:
„Geld spielt keine Rolle.“
Man merkte sofort: Der Mann lebt im Urlaub nach anderen finanziellen Grundsätzen als zuhause.
Christiane empfing uns voller Begeisterung und übernahm sofort hochmotiviert die Rolle der persönlichen Reiseleiterin von Sankt Peter-Ording. Mit beeindruckender Energie führte sie uns durch den Ort, zeigte uns die schönsten Ecken, erklärte, wo es die schönsten Läden und vermutlich auch die besten Strandabschnitte gibt.
Zuerst gingen wir zu dem feinen weißen Sandstrand, der immer ein bisschen so aussieht, als hätte jemand versehentlich die Karibik nach Nordfriesland verschoben – nur mit deutlich mehr Windjacken und funktionaler Outdoorbekleidung.
dabei waren „wir“ unterschiedlich motiviert unterwegs.
Ich wurde relativ schnell zum Sherpa von Enno ernannt. Während andere entspannt am Wasser entlangliefen, schleppte ich den Rucksack mit Käthes Sachen, Ennos Schuhen und ungefähr zwölf weiteren Gegenständen, deren Existenzberechtigung im Rucksack völlig unklar war.
Urlaub bedeutet offenbar auch, ständig Dinge durch die Gegend zu tragen, die niemand akut braucht, die aber „zur Sicherheit“ mitgenommen werden mussten.

Käthe und Wilma dagegen hatten den perfekten Tag. Wind, Sand, Gerüche, andere Hunde und überall Menschen, die potentiell Essen dabeihaben könnten – mehr brauchten sie eigentlich nicht zum Glücklichsein.
Nach dem Spaziergang kehrten wir in der „Arche Noah“ ein. Es gab Pommes und Waffeln – eine kulinarische Kombination, die ernährungsphysiologisch vermutlich schwierig ist, emotional aber hervorragend funktioniert.
Danach präsentierte Christiane uns stolz ihr Hotelzimmer mit Terrasse und Meerblick. Und ehrlich gesagt: völlig zu Recht. Die Terrasse war großartig mit Garten, gemütlich und so einladend, dass man sofort verstand, warum man dort eigentlich gar nicht mehr weg möchte.
Danach begann der kulturelle Teil des Tages: Christiane beriet uns beim Shopping.
Zuerst bei Zwillingsherz und anschließend in diversen kleinen Läden voller „örtlicher Unikate“. Diese Geschäfte verkaufen hauptsächlich Dinge, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie unbedingt braucht.
Besonders Anita zeigte beeindruckende Ausdauer. Sie war bereits draußen am Ausgang, hatte den Laden praktisch schon verlassen – Bernhard entdeckte dann aber doch noch etwas Interessantes und sie verschwand sofort wieder im Geschäft.
Ein Verhalten, das vermutlich jede Frau nachvollziehen kann und jeden wartenden Mann langsam altern lässt.
Zwischendurch führten wir noch einige ausgesprochen spannende Diskussionen. Über was genau, weiß vermutlich inzwischen niemand mehr so richtig. Aber wie immer wurden Themen mit großer Leidenschaft diskutiert, obwohl eigentlich niemand wirklich eine Lösung erwartete.
Der Rückweg zog sich dann plötzlich deutlich länger hin als geplant, weil irgendwo spontan eine Straße gesperrt worden war. Navigation in Nordfriesland bedeutet offenbar hauptsächlich, regelmäßig überrascht zu werden.
Irgendwann bekam ich Hunger. Nicht so ein bisschen Hunger, sondern diesen Urlaubshunger, bei dem man plötzlich bereit wäre, direkt die nächste Speisekarte zu essen.
Also machten wir erneut Halt beim Roten Haubarg.
Und wieder war das Essen fantastisch.
Es gab:
Lammgulasch,
einen Hausteller mit Labskaus, Matjes und Brathering,
Lammhaxe mit Kartoffelgratin und grünen Bohnen
und gebratenen Fisch.

Langsam entwickelt sich dieser Urlaub zu einer Mischung aus Fahrradtour, Wind und kulinarischer Eskalation.
Besonders auffällig: Alte Leute essen wirklich erstaunlich früh zu Abend. Und wir offensichtlich inzwischen auch. Ohne es geplant zu haben, bewegen wir uns langsam aber sicher in Richtung „18-Uhr-Abendessen-und-spätestens-22-Uhr-im-Bett“.
Pünktlich um 18:30 Uhr saßen wir jedenfalls wieder zum Sundowner auf unserer Terrasse. Die Sonne stand tief, die Getränke waren kalt und alle wirkten angenehm erschöpft.

Und tatsächlich:
Um 20 Uhr waren Anita und Bernhard bereits zurück in ihrer Wohnung und wir lagen auf der Couch.
Irgendwie war der Tag doch erstaunlich anstrengend gewesen – obwohl wir diesmal sogar mit dem Auto unterwegs waren.
Offenbar kann man sich auch völlig ohne Fahrräder zuverlässig in den Erschöpfungsmodus urlauben.
Donnerstag
Heute stand ein Ausflug zur Hallig Hooge auf dem Programm. Schon morgens herrschte eine gewisse Expeditionsstimmung. Fähre, Wind, Proviant, Jacken, Sonnencreme – an der Nordsee muss man grundsätzlich für alle vier Jahreszeiten gleichzeitig vorbereitet sein.
Enno entschied sich wegen seiner Hüfte dafür, die Hallig mit dem Fahrrad zu erkunden. Das hatte den großen Vorteil, dass er immer vorausfahren und testen konnte, ob sich bestimmte Wege oder Aussichtspunkte überhaupt lohnten. Eine Art persönlicher Hallig-Scout also.
Währenddessen liefen wir anderen tapfer zu Fuß.
Am Ende kamen tatsächlich rund zehn Kilometer zusammen.
Irgendwann fanden wir einen richtig schönen Platz direkt am Wasser. Sonne, Meerblick, Ruhe, Strandkörbe – genau diese norddeutsche Postkartenidylle.

Und die Gastronomie? Dazu gibt es zu sagen:
Keine Kartenzahlung und nicht immer Kuchen , die schmecken und man bekommt nicht immer das, was man sich ausgesucht hat.
Natürlich hatte ich kein Bargeld dabei.
Während andere Menschen vorsorglich Scheine mitnehmen, verlasse ich mich inzwischen vollständig darauf, dass irgendwo schon ein Kartenlesegerät existieren wird. Ein Fehler.
Gut, dass die anderen bei solchen Sachen verlässlich und viel besser organisiert sind als ich!
Die Rückfahrt mit der Fähre sollte laut unserem ursprünglichen Plan erst um 18 Uhr stattfinden. Alles ganz entspannt also.
Zum Glück hatte Enno plötzlich die spontane Eingebung, sicherheitshalber noch einmal auf den Fahrplan zu schauen.
Eine brillante Idee.
Denn tatsächlich fuhr die Fähre zwei Stunden früher zurück.
Es folgte erstaunlicherweise keine Panik. Niemand rannte hektisch über die Hallig, niemand verlor Taschen oder Mitreisende. Stattdessen entwickelten wir gemeinsam einen erstaunlich ruhigen Notfallplan:
„Dann essen wir eben später schön in Husum.“
Enno kommentierte die Situation irgendwann mit den Worten:
„Ich bin hier für die Organisation verantwortlich und leite die Gruppe.“
Warum genau dieser Satz fiel und worauf er sich ursprünglich bezog, weiß inzwischen niemand mehr so richtig. Aber er fasst den Urlaub insgesamt eigentlich ziemlich gut zusammen.
Auf der Rückfahrt begann dann die nächste große Herausforderung:
Wo sitzt man auf der Fähre am besten, um möglichst lange Sonne abzubekommen?
Ich hatte dazu eine sehr klare Meinung.
Die anderen waren skeptisch.
Enno setzte sich sogar demonstrativ erst einmal an eine andere Stelle. Vermutlich aus Prinzip oder um eigene meteorologische Erkenntnisse zu sammeln.
Nach kurzer Zeit musste er allerdings einsehen, dass ich recht hatte. Die Sonne wanderte exakt so, wie ich es vorhergesagt hatte.
Also ergab er sich schließlich seinem Schicksal und setzte sich doch zu mir in die Sonne.
bei Bargeld bin ich nicht besonders verlässlich, aber das mit den Himmelsrichtungen kann ich irgendwie.
Direkt von der Fähre fuhren wir dann noch zum Blinkfuer und aßen ganz klassisch Backfisch mit Pommes. Nach all den kulinarischen Höhenflügen der letzten Tage war das genau die richtige Mischung aus einfach, norddeutsch und unglaublich lecker.

Dazu hatten wir einen richtig schönen Abend mit denn Inhaber. Es wurde viel erzählt, gelacht und auf die vergangenen Urlaubstage zurückgeblickt – auf Fahrradtouren, Wind, Fähren, Watt, Sonnenuntergänge, Fischgerichte, Happy Hours und natürlich auf all die kleinen chaotischen Momente dazwischen, die den Urlaub eigentlich erst perfekt gemacht haben.
Am frühen Abend verabschiedeten wir uns schließlich von Anita und Bernhard. Irgendwie merkte man plötzlich, dass der Urlaub jetzt wirklich zu Ende ging.
Morgen fahren wir nach Hause.
Und wie immer am Ende eines schönen Urlaubs bleibt dieses leicht merkwürdige Gefühl:
Man freut sich auf das eigene Bett – und gleichzeitig könnte man eigentlich noch problemlos ein paar Tage bleiben.